vor drei Monaten habe ich das Zitat von Pamuk hier eingestellt und fuehlte mich so ziemlich eins mit dessen Inhalt. und nun sitze ich hier am Busbahnhof in Santa Cruz de la Sierra, wo ich noch weitere 10 Stunden auf eine dann 13 stuendige Busfahrt warte, um dann irgendwann mal in Sucre anzukommen, und kann mich nicht mehr so recht einfinden in die Aussage der Pamukschen Worte.
Die Reise hierher verlaueft jetzt schon anders als die Reisen, die ich zuvor begangen hatte. Ich habe hauptsaechlich schrecklich abschreckende Geschichten ueber Bolivien gehoert und bin deshalb schon maechtig stolz auf mich, bisher noch nicht ausgeraubt, vergewaltigt oder umgebracht worden zu sein.
Den ersten Spanisch-Sprachkurs als Hoerbuch habe ich schon fast durch, hoffentlich schlaegt sich das auch bald in meiner Kommunikation nieder, die ist, mit Verlaub gesagt, noch sehr zaeh. Aber am meisten kommuniziere ich momentan sowieso in mich selbst hinein, versuche, den Kopf ueber Wasser zu halten. Nur manchmal gewinnt das Wasser, und dann rinnt eine Traene meine Wangen hinab. Vielleicht sollte ich an meinen Lidern ein Schild "nicht vom Beckenrand springen" aufhaengen. Mal sehen, wie lange wir noch miteinander rangeln werden.
Anders als frueher ist auch die Tatsache, dass ich bis zuletzt nicht mehr dazu in der Stimmung war, aufzubrechen. Und hier, in meinen Fesseln der Angst, kann sich eine Aufbruchstimmung auch nicht wirklich entfalten. Aber abwarten, mal wieder eine Nacht in einem Bett schlafen, "Alltag" einkehren lassen und die Zeit nach dem Sprachkurs in Sucre in Gedanken organisieren, vielleicht wird es dann besser. Und ein paar Lichtblicke gibt es ja auf jeden Fall hier. Sonnenuntergang am Flughafen in Lima zum Beispiel: eine feuerrote Scheibe sengt sich in die Erde hinab, direkt neben Bergen, die dort einer abgestellt hat.
Viele Gesichter, die ich noch nicht zu lesen gelernt habe. Der Hunger, der langsam aufkommt, und wohl mit einer der hier am Strassenrand preisgebotenen Waren gestillt werden wird. Das Land an sich, wenn der Winterregen hier aufhoert...
Was sich nicht geandert hat, ist die Uebersprungshandlung meines Seelen-Striptease. wenn ich innerliche Unruhe verspuere, schreibe ich, da ich niemanden zum Reden habe.
Danke, dass ich diesen Ballast auf Euch abwerfen konnte.
Es gruesst
chrissi