Nach meiner Ankunft in Santiago konnte ich bei einer Freundin von Regina unterschlupf finden, in einer verrueckten 6er WG mit internationaler Besetzung: ein BRasilianer, eine Deutsche, ein Englaender und 3 Chilenen wohnen in dieser Bude und sind eigentlich immer gut drauf. Ein sehr sehr schoener Einstieg in die Stadt.
Am 17.12. kam Georg nach Santiago, wo wir die ersten 2 gemeinsamen Tage bei einer Bekannten von ihm verbracht haben, sehr unterhaltsam und froehlich.
Und bereits am 19. gings dann los auf unsere geplante Wanderung. Mit dem Zug nach Sueden, nach Talca (die Stadt, in der die chilenische Unabhaengigkeit besiegelt wurde) und dann mit dem Bus nach Vilches, wo der Spass begann. Worum ging es? Eine ca. 7-taegige Wanderung durch eine Vulkan-gepraegte Bimssteinwueste, fuer die wir alles an Essen mitnehmen mussten, Wasser finden wir unterwegs immer wieder in Baechen. Mit Zelt, Schlafsack, Gaskocher und und und wogen unsere Rucksaecke anfangs gut je 20 kg. Das will man mal durch die Gegend wuchten, bergauf und bergab!
Und so ging es los, nachmittags um 3 Abmarsch nach Anmeldung im Nationalpark Lircay, recht harmlos durch Nebelwald. Wir begegnen Chile-Nattern und Vogelspinnen (beides genau meine Tiere...) und finden eine herrliche Zeltmoeglichkeit direkt neben einem frischen Bach.
Der zweite Tag ein Knie-maltraetierender Abstieg ins FLussbett des Rio Claro, den wir auch 3 mal durchschreiten mussten - Schuhe aus, Hose aus, Wasser bis zu den Oberschenkeln und schauen, dass die Stroemung einen nicht umreisst. Von dort aus zum Valle de Venado, ein lauschiges Plaetzchen zum Mittagessen und dann weiter zum Basecamp des Vulkan Descabezado, den wir am folgenen Tag besteigen wollten. Unterwegs nutzten wir fast jede Moeglichkeit, uns in kuhelem Wasser zu erfrischen- sei es bei den unzaehligen Flussdurchquerungen oder bei Lagunen, an denen wir vorbeikamen. Nach einem langen, anstrengenden Tag wurden wir mit einem farbenfrohen Sonnenuntergang unterhalb des Vulkans in angenehm warmen Thermalquellen belohnt. Der naechste Morgen brach fuer uns schon vor Sonnenaufgang an, um 4 Uhr aufstehen, den Sternenhimmel unglaeubig beglotzen, Fruehstuecken, warm anziehen und dann rauf Richtung Vulkan. Der Zustieg ins Hochlager war noch ertraeglich, wenngleich es schon ein Vorgeschmack war auf das, was noch kommen sollte: Bimssteinpisten, so weit das Auge reicht. Und das heisst: laufen wie auf Puffreis. Ein Schritt Aufstieg nach oben und gleichzeitig wieder ein Drittel Hoehenverlust. Die 2000 m Aufstieg (von 1900m auf 3990m) dauerten uns gut 7 Stunden. Eiskalter, starker Wind blies uns um die Ohren, aber die Aussicht entschaedigte immer wieder. Und schliesslich waren wir oben. Fuer Georg der hoechste Berg, auf dem er bisher stand, und fuer mich wieder ein wunderschoener Vulkan (oben wunderschoen, den Aufstieg habe ich gehasst...). Der Abstieg hingegen war ein Spass, fuehlte sich ein bisschen an wie Skifahren auf Puffreis, nach 3 Stunden waren wir wieder zurueck am Zeltplatz und aalten uns erneut in den Thermalwasser-loechern. Und dann Zeit fuers Abendessen. Und ein riesen Schreck: jemand hatte uns waehrend unseres Aufstiegs den Gaskocher mit Kartusche geklaut. Wir sind entsetzt. Wir wissen, dass uns in den folgenden Tagen Bimssteinwueste erwartet, unwahrscheinlich, Holz zu finden, um Feuer zu machen. Unsere Energie verpufft, wir sind wuetend und enttaeuscht. Ausser uns waren noch 4 Leute an dem Zeltplatz, die am Tag vor uns auf dem Vulkan waren. Der Taeterkreis laesst sich also stark einschraenken, aber das hilft uns in dieser Gegend auch nichts, wo es mindestens 2 Tage dauert, um wieder Richtung Zivilisation zu kommen. Ausserdem wollten wir nicht umkehren, sondern den Circuit zu Ende laufen (4 weitere Tage). Und welch ein sarkastischer Dieb am Werke war: anstelle des Gaskochers fanden wir in unseren Toepfen naemlich ein Hufeisen, ganz so, als wollte der Dieb uns viel Glueck beim Ueberleben wuenschen. Wir entscheiden uns ersteinmal, noch einen Tag laenger dort am Vulkan zu bleiben (dort gab es naemlich Holz) und in Ruhe zu ueberlegen, was wir nun tun. Wir kamen zu dem Entschluss, eine Portion Nudeln vorzukochen und zum naechsten Tagesziel zu laufen, dann koennen wir die Gegend dort einschaetzen und uns zur Not immer noch zum umkehren entscheiden. Hinzu kam noch, dass Georg ab diesem Tag mit Magen/Darm Beschwerden zu kaempfen hatten - erstmals auf meiner Reise kam meine Reiseapotheke ordentlich zum Einsatz. Aber tapfer hat er sich weiter durchgekaempft.
Nach all diesem Pech dann aber noch eine glueckliche Wendung: zwei Oesterreicher kamen auch noch zum Vulkan und durch unseren Tag Pause ergab es sich, dass wir alles weitere zeitgleich zuruecklegen wollten. Wir kamen ins Gespraech und als sie hoerten, was uns passiert war, boten sie uns sofort an, dass wir ihren Kocher mit verwenden koennen. Die beiden waren mit einem Ayero, einem BAuern, der ihre Sachen auf einem Pferd transportierte, unterwegs und somit leicht bepackt. Als Cesar, der Ayero, unsere Geschichte hoerte, schlug er entsetzt die Haende ueber dem Kopf zusammen. Eine Katastrophe fuer seine Zunft (die Gruppe, die wohl den Taeter beinhaltet, hatte auch einen Ayero dabei - Cesar kennt diesen Typ) und er half uns, wo er nur konnte. Er bot uns sogar an, unsere Sachen zu transportieren. Aber ihr kennt ja meine Philosophie: ein Weg ist nur gemacht, wenn man auch alles, was man dafuer braucht, selbst schleppen kann... Jedenfalls hatten wir mit Barbara, Ezio und Cesar ab sofort lustige Weggefaehrten, mit denen die Abenteuerlichkeit jedoch nicht abriss. Der naechste Tag ein langer Aufstieg ueber einen Pass hin zu erneut heissen Quellen, diesmal stark schwefelig und so heiss, dass man mit dem Wasser kochen konnte, wenn man denn gewollt haette. Die Badeloecher hatten einen Kalt- und einen Warmwasserzulauf, so dass man sich die Badewanne selbst temperieren konnte. Irre. Georg hatte immernoch arg zu kaempfen, und schleppte sich eher so durch die Gegend, der Arme. Der Folgetag versprach ein wenig ruhiger zu werden, nur wenige Hoehenmeter und auch nur wenige Kilometer bis zum Zeltplatz. Aber ein Kommunikationsfehler von Seiten Cesars fuehrte zu einer aufregenden Suchaktion. Zunaechst wurden Barbara und Ezio gesucht, die scheinbar verschollen waren (wobei eigentlich am vereinbarten Treffpunkt, zu dem Georg und ich auch wollten, aber von Cesar abgefangen und zu einem anderen Lagerplatz geleitet wurden). Georg und ich dachten uns, dass sie an dem anderen Treffpunkt sind, und beshclossen deshalb, sie aufzusuchen: Georg stieg auf einen Berg und gab Ruf- und Lichtsignale und ich machte mich zu Fuss auf zu dem anderen Lagerplatz. Als ich dort ankam, waren sie nicht mehr dort und ich ging wieder zurueck. So leicht, wie das klingt, wars aber nicht. Eine Strecke von 4 Kilometern, mit 2 Schluchten, dichtem Strauchgestruepp und Sumpflandschaft zehrten dann doch ein wenig an mir. Und was mir den Rest gab: als ich wieder am Lagerplatz, an dem Georg und ich unsere Sachen hinterlegt hatten, ankam, fand ich nichts mehr vor. Kein Georg, kein Rucksack, nichts. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Ich rief und pfiff und schrie, aber keine Antwort. Ich wusste gar nciht, was ich denken soll. Es war schon kurz vor Sonnenuntergang, also beschloss ich, zu schauen, wo ich wie die Nacht moeglichst warm verbringen koennte - ich hatte nichts bei mir ausser dem GPS. An dem Lagerplatz war eine Huette der CONAF, der chilenischen Naturparkorganisation, und ich entschloss mich dazu, die Huette aufzubrechen, um nachts darin schlafen zu koennen. Nach ein wenig werkeln gelang mir das auch und ich war beruhigt, dass ich die Nacht immerhin nicht draussen verbringen muesste. Danach entschied ich mich dazu, wieder auf einen Berg zu steigen, vielleicht sehe ich die anderen ja von oben. Und als ich dann halbwegs hoch war, hoerte ich die anderen rufen... Sie hatten es nur gut gemeint und all unsere Sachen schon einmal ein paar Meter weiter zu unserem endgueltigen Nachtlagerplatz gebracht, Georg hatte schon das Zelt aufgestellt und ein Feuer entfacht. Den Pfeil, den er mir auf Holz als Wegweiser gelegt hatte, hatte ich schlichtweg nciht gesehen. Dieser Tag war uebrigens Heilig Abend. Irre aufregend. Ezio und Barbara packten eine kleine Flasche Rum aus und langsam wurden wir alle wieder ruhiger...
Die letzten beiden Tage der Wanderung verliefen dann ohne bemerkenswerte Vorkommnisse, wenngleich sie vom Wandern her nicht weniger anstrengend waren. Viele Schneefelder mussten durchquert, Bimssteinpisten bestiegen und kalte Lagunen beschwommen werden. An der Laguna de las Animas kreisten etliche Kondore und Blaubussarde ueber uns, atemberaubend. Die Sonne brannte jeden Tag, unsere Haut und Lippen litten sehr. Aber dennoch war die Stimmung gut. Fuer mich ein wirklich schoener Trek, gut zu machen auch mit der ganzen Last am Ruecken, aber ich war die Berge ja auch wirklich schon gewohnt. Aber es braucht schon Ausdauerund Kraft, um sich dort durchzukaempfen, sicherlich kein Trek, den man mal so eben aus dem Aermel schuettelt. 137 km, keine Ahnung, wie viele Hoehenmeter und tonnenweise Bimsstein, so weit das Auge reicht.
Am Ende habe ich noch eine Anzeige erstattet, ich glaube zwar nicht, dass ich den Kocher wiedersehen werde, darum geht es auch nciht (wobei ich schon um ihn trauere, das war der Kocher, den wir in Schottland gekauft hatten, Toni, Sarah und Sophie!). Vielmehr geht es mir darum, das Geschehene publik zu machen. In dieser Region da draussen ist sowas lebensgefaehrlich. Das ist ungefaehr genauso schlimm, wie wenn sie uns die Schlafsaecke geklaut haetten...
Nach 8 Tagen Wildnis sind wir nun in der Casa Chueca in Talca, wo wir gestern Abend noch gemeinsam mit Ezio und Barbara unser Abenteuer haben ausklingen lassen. Georg versucht sich so gut als moeglich zu erholen von den Strapazen und morgen geht es zurueck nach Santiago, wo wir am 30.12. 4 weitere Freunde in Empfang nehmen werden. Ich freu mich MEGA, wenngleich ich auch ein wenig traurig bin, dass meine Wanderei nun wohl wirklich zu einem Abschluss gekommen ist.
Alles Liebe!
chrissi